Ein Bauprojekt, das unmöglich schien – und doch Wirklichkeit wurde
In der Ukraine steigt jedes Jahr die Zahl der Frauen, die mit ihren Kindern obdachlos werden. Oft geschieht dies nach Gewalterfahrungen, dem Verlust der Unterstützung oder aufgrund wirtschaftlicher Notlage. Ein Teil von ihnen wendet sich an die Sozialdienste. Andere werden bereits in einem kritischen Zustand eingeliefert – wenn es nicht mehr um Komfort geht, sondern darum, ob das Kind bei seiner Mutter bleiben kann.
In solchen Situationen gibt es keine Alternativen. Es gibt keinen Ort, an den man gehen könnte.
Genau deshalb entstand das Mutter-Kind-Haus in der Region Odessa – nicht als Antwort auf ein theoretisches Problem, sondern auf reale Lebensgeschichten.
Die Idee zu diesem Projekt entstand nicht im Büro. Sie entstand aus der Praxis. Die Mission „Neues Leben“ begegnete regelmäßig Frauen, die vor Gewalt flohen oder zusammen mit ihren Kindern obdachlos waren. Oft handelte es sich um Mütter mit Säuglingen, ohne Unterstützung und ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte.
Es wurde offensichtlich: Punktuelle Hilfe löst das Problem nicht.
Es brauchte einen Ort, an dem eine Frau mit Kind nicht nur übernachten, sondern sich erholen, lernen konnte, ein stabiles Leben zu führen und ihre Familie nicht zu verlieren.
So entstand die Entscheidung, ein eigenes Mutter-Kind-Haus zu errichten.
Im Januar 2021 wurde mit Unterstützung der internationalen Organisation Giving Hearts Int. im Dorf Velykyi Dalnyk der Grundstein für das zukünftige Haus gelegt.
Zu diesem Zeitpunkt sah alles wie ein gewöhnliches Sozialprojekt mit klaren Fristen aus: Fertigstellung bis Ende 2022.
Doch im Februar 2022 brach ein vollumfänglicher Krieg aus.
Und in diesem Moment gab es allen Grund, den Bau einzustellen.
Die Finanzierung wurde unsicher. Ein Teil der Ressourcen verschwand. Die Logistik wurde erschwert. Baumaterialien verteuerten sich oder waren nicht mehr erhältlich. Jede Planung verlor an Vorhersehbarkeit.
Gleichzeitig stieg jedoch der Bedarf an dem Projekt selbst sprunghaft an.
Der Bau wurde nicht eingefroren.
Wir setzten ihn fort – schrittweise, ohne Garantien, manchmal am Rande des Möglichen. Jeder nächste Schritt hing davon ab, ob es gelingen würde, die Ressourcen für den vorherigen zu finden. Einige Entscheidungen mussten schnell getroffen werden, ohne einen vollständigen Überblick darüber zu haben, wie es weitergehen würde.
Das Haus wuchs Schritt für Schritt: vom Fundament zum Rohbau, vom Rohbau zum Dach, von den Außenarbeiten zur Innenausstattung.
In einzelnen Phasen kam es offen zu Engpässen bei der Finanzierung und bei den Baumaterialien. Doch der Prozess wurde nicht unterbrochen.
Es handelte sich nicht einfach nur um einen Bau.
Es war die Entscheidung, weiterzumachen, als die meisten Projekte zum Stillstand kamen.
Parallel zum Bau des Gebäudes veränderte sich auch das Umfeld. Die Zahl der Menschen, die ihre Wohnung verloren hatten, stieg. Die Zahl der Frauen mit Kindern, die ohne Unterstützung blieben, stieg. Die Region nahm Binnenvertriebene auf und sah sich gleichzeitig mit ihren eigenen sozialen Herausforderungen konfrontiert.
Unter solchen Umständen erschien der Bau riskant.
Aber genau deshalb wurde er nicht gestoppt.
Denn es wurde klar: Wenn dieses Haus nicht jetzt gebaut wird – wird es morgen zu spät sein.
Das Mutter-Kind-Haus in Velykyi Dalnyk wurde am 1. September 2023 eröffnet und nahm vom ersten Tag an seinen Betrieb als vollwertige Einrichtung auf. Es ist für 30 Mütter und 70 Kinder ausgelegt. Sofort nahm dort ein Team seine Arbeit auf: Erzieherinnen, eine Krankenschwester, Köchinnen, Pädagoginnen und Psychologinnen, die mit Traumata arbeiten.
Heute ist es nicht nur ein Ort, an dem man leben kann.
Es ist ein Umfeld, in dem eine Frau die Chance erhält, ihr Leben zu ändern, und ein Kind in Sicherheit aufwachsen kann. Die Mütter durchlaufen einen Weg von völliger Instabilität hin zu grundlegenden Fähigkeiten für ein selbstständiges Leben. Sie lernen Verantwortung und den Alltag zu meistern, bauen gesunde Beziehungen auf und erhalten psychologische Unterstützung.
Die Kinder entwickeln sich unter Bedingungen, die sie oft noch nie erlebt haben: mit Bildung, Aufmerksamkeit und Fürsorge.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit Entbindungskliniken – um Mütter rechtzeitig zu unterstützen und die Abgabe von Kindern zu verhindern.
Das Mutter-Kind-Haus in Velykyi Dalnyk ist keine Reaktion auf eine einzelne Krise. Es ist die Antwort auf ein Problem, das sich immer weiter verschärft. Der Krieg hat die Instabilität, den Verlust von Wohnraum und den Zerfall von Familien verstärkt, und unter diesen Umständen reicht es nicht aus, nur kurzfristig zu helfen.
Es braucht Orte, an denen sich die Menschen erholen und zu einem normalen Leben zurückkehren können.
Dieses Haus zeigt, dass man selbst im Krieg nicht nur Mauern, sondern auch systemische Lösungen errichten kann. Und dass die Unterstützung der Mutter ein Weg ist, das Kind und manchmal sogar die ganze Familie zu retten.
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