Wenn das Zuhause kein sicherer Ort mehr ist
Liliia Katsen ist 45 Jahre alt. Sie wurde in Enerhodar geboren, einer Stadt, in der das Geräusch des Kraftwerks zum alltäglichen Hintergrund des Lebens gehört. Dort verbrachte sie ihre Jugend, lernte den Mann kennen, mit dem sie 18 Jahre zusammenlebte, und brachte ihre drei Söhne zur Welt.
Ihr Leben ähnelte dem vieler anderer Familien: Arbeit, Alltag, Pläne und ständige Umzüge auf der Suche nach Stabilität. Ihr Mann arbeitete auf dem Bau, deshalb zog die Familie 2017 in die Region Odesa — zunächst nach Biljajiwka und später nach Welykyj Dalnyk, wo er Arbeit fand und hoffte, ein besseres Leben aufzubauen.
Doch hinter der Fassade einer gewöhnlichen Familiengeschichte verbarg sich jahrelang eine andere Realität.
Häusliche Gewalt ist ein Thema, über das viele Menschen bis zuletzt schweigen. Auch Liliia schwieg. Sie hielt durch. Sie versuchte, die Familie der Kinder wegen zusammenzuhalten. Doch irgendwann kam der Moment, in dem das Bleiben gefährlicher wurde als der Schritt ins Ungewisse.
Vor drei Jahren traf sie eine Entscheidung, die ein Leben nach außen hin in einem einzigen Moment verändert, einen Menschen innerlich jedoch über Jahre hinweg zerbricht und neu aufbaut. Sie verließ ihr Zuhause.
Ohne Stabilität. Ohne Sicherheit für den nächsten Tag. Aber mit drei Kindern und einem starken Wunsch — sie vor einem Leben in Angst zu bewahren.
In dieser schweren Zeit wandte sich Liliia an die christliche Mission „Neues Leben“. Dort erhielt sie einen Platz im Mutter-Kind-Haus. Freiwillige versorgten die Familie mit allem Notwendigen: Unterkunft, Kleidung, Unterstützung und einfachen menschlichen Worten, die manchmal genauso retten wie Geld.
Besonders schwer war für sie die Entscheidung ihres ältesten Sohnes Nikita, beim Vater zu bleiben. Für jede Mutter fühlt sich das wie eine Wunde an, die nur langsam heilt. Doch Liliia setzte ihn nicht unter Druck und zwang ihn nicht, sich für eine Seite zu entscheiden.
Einige Zeit später verstarb der Vater.
Nach seinem Tod kehrte Nikita zu seiner Mutter zurück. Heute ist die ganze Familie wieder vereint. Sie leben im Mutter-Kind-Haus und bauen Schritt für Schritt ein neues Leben auf — ohne Angst, Schreie und ständige Anspannung.
Heute erhält Liliia nicht nur Hilfe, sondern unterstützt selbst andere Frauen. Sie arbeitet in der Wäscherei, beteiligt sich an den Projekten der Mission und macht anderen Müttern Mut, die gerade erst angekommen sind und noch kaum glauben können, dass das Leben anders werden kann.
Ihre Geschichte handelt nicht von einem perfekten Wunder.
Sie zeigt, dass ein Mensch selbst nach Jahren des Schmerzes wieder aufstehen kann, wenn Menschen da sind, die nicht einfach wegsehen.
Ihre Söhne gehen zur Schule, haben Freunde und führen ein aktives Leben — und genau diese Normalität ist heute ihr größter Sieg.
Denn manchmal beginnt ein neues Leben nicht mit großen Worten.
Sondern mit dem stillen Moment, in dem zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Ruhe einkehrt.